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Vorlesen

Der Wolf in Sachsen

Wolfsschutz in Gefahr

Mehr als zwei Jahrzehnte ist es her, dass polnische Wölfe in der Lausitz sesshaft geworden sind. In der Zwischenzeit haben sich die Tiere in weiten Teilen Deutschlands ausgebreitet. Ein Erfolg im Artenschutz der nun von der Jagd bedroht ist.

Wölfe - Foto: Christoph Bosch

Wölfe - Foto: Christoph Bosch

Juni 2026 - Wölfe in Sachsen waren für alle Betroffenen, vom Naturfreund bis zum Jäger, ein Novum: Im Laufe von über hundert Jahren Abwesenheit sind sie uns fremd geworden. 2026 wurde der Wolf in das Bundesjagdrecht überführt, wenige Monate später werden die Weichen für eine Änderung des sächsischen Jagdrechtes gestellt. Das Ziel ist die reguläre Bejagung der Tiere zum "Bestandsmanagement". Sie soll den Herdenschutz unterstützen und vor Übergriffen auf Weidetieren schützen.

Der Wunsch nach Bejagung beruht auf der Annahme, der Wolf würde sich in Sachsen ungehemmt ausbreiten und exponentiell vermehren. Ein Blick auf die Daten zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Monitoringdaten zeigen eine typische Vermehrungskurve von Arten, die sich einen Lebensraum erobern. Nach anfänglich starkem Wachstum sinkt die Vermehrungsrat ab 2018/19 auf 10 bis 13 % und stagniert schließlich ganz (2023/24). Wenn der Wolfsbestand nicht weiter beeinflusst wird (z. B. durch eine sogenannte Bestandsregulation) werden die Folgejahre um einen etwas niedrigeren Wert pendeln, der durch die natürlichen Ressourcen (Platz, Nahrung, Habitateignung) bestimmt wird.


Der Wolfsbestand in Sachsen pendelt sich nach einem starken Wachstum ein. (Daten: DBBW; Grafik NABU Sachsen)

Der Wolfsbestand in Sachsen pendelt sich nach einem starken Wachstum ein. (Daten: DBBW; Grafik NABU Sachsen)

Die Stagnation beruht auf der nahezu flächendeckenden Besiedlung der Landkreise Bautzen, Görlitz und Nordsachsen. Im Monitoringjahr 2024/25 waren 47 Territorien in bekannt. Ein Territorium kann von einem Rudel, einem Paar oder einem territorialen Einzeltier besiedelt sein. Aber längst nicht alle Wölfe reißen Nutztiere. Die Anzahl der Wolfsrisse hat sich zuletzt deutlich reduziert – obwohl die Wolfsterritorien stagnieren.


Rudel, Paare oder territoriale Einzeltiere beanspruchen ein Territorium – ein Gebiet, das als geeignet erscheint und die nötigen Ressourcen zum Überleben und Reproduzieren bietet. Übersteigt die Individuenzahl innerhalb eines Wolfsterritoriums die Ressourcen, wandern einzelne Tiere ab, schließen sich anderen an oder gründen eigene Territorien. Der Versuch, den Bestand im Rahmen eines Managements zu regulieren, stört diesen natürlichen Prozess. Die Folge kann eine stärkere Vermehrung, aber auch intensivere Versuche, den Herdenschutz zu umgehen, sein.

FAQ-Wölfe
Wolfsschäden in Sachsen haben in den letzten Jahren abgenommen (Datenquelle: LfULG Sachsen; jährliche Statistik)

Wolfsschäden in Sachsen haben in den letzten Jahren abgenommen (Datenquelle: LfULG Sachsen; jährliche Statistik)

Laut einer kleinen Anfrage im Landtag treten in 65 % aller sächsischen Wolfsterritorien keine oder nur vereinzelte Schäden auf, wobei die Landkreise Görlitz (2024 waren es 45 % aller Wolfsrisse) und Bautzen (39 % aller Wolfsrisse) die Statistik anführen. Eine plausible Erklärung für diesen Schwerpunkt auf Ostsachsen sind die Präventionsmaßnahmen zur Eindämmung der afrikanischen Schweinepest (ASP). Die Zäune stellen Landschaftsbarrieren dar, die die regulären Wanderrouten von Wildtieren queren, die sächsische Regierung sprach von mehr als 700 Kilometern! Da ASP-Zäune nicht elektrifiziert sind, haben hier vermutlich mehrere Wölfe das Überwinden der Zäune gelernt und praktizieren dies nun auch an den Herdenschutzzäunen.


Herdenschutz funktioniert

Für ein Zusammenleben von Wolf und Weidetieren ist ein funktionierender Herdenschutz das Wichtigste. Ein Wolfsmanagementplan, wie er nach der Anpassung des Bundes- und Landesjagdgesetz erstellt werden muss, kann an einer Verbesserung des Herdenschutzes nicht vorbei.

Vor allem Halter von kleinen und kleinsten Herden scheinen Probleme mit dem Herdenschutz zu haben. Über die Hälfte aller Wolfsrisse sind im Hobbybereich zu verorten. In Sachsen werden 90 cm Zaunhöhe als Mindestschutz vorgegeben – empfohlen wird mehr. Das liegt zum einen an der Lernfähigkeit der Tiere, aber auch daran, dass in der Praxis ein Zaun quasi immer in der Mitte durchhängt und damit de facto niedriger ist. Das ist der perfekte Einstieg für den Wolf, was die Statistiken bestätigen: 55,8 % aller Wolfsrisse in Sachsen geschehen trotz Einhaltung des „Mindestschutzes“. Der NABU Sachsen fordert deshalb eine Anhebung des Mindestschutzes.


Der NABU Sachsen fordert funktionierenden Herdenschutz anstelle eines unüberlegten Bestandsmanagements.

Wir lehnen die sogenannte Bestandsjagd zur Stabilisierung (oder gar Reduzierung) der Wolfsbestände grundsätzlich ab. Bestandsjagd ist kein Teil (und auch keine Unterstützung) des präventiven Herdenschutzes. Eine Anpassung des zumutbaren Mindestschutzes, wie er in anderen wolfsreichen Bundesländern bereits gang und gäbe ist, ist dringend notwendig. 

Wir empfehlen einen elektrifizierten Zaun von 1,10 Höhe und wo möglich, den Einsatz von nachweislich geeigneten Herdenschutzhunden. Nicht-elektrifizierte Festzäune stellen aus unserer Sicht keinen ausreichenden Schutz dar, da sie von Wölfen überklettert werden können, ohne von einem Stromimpuls abgehalten zu werden. Sie sollten demnach – so wie in den meisten Bundesländern – nicht als Herdenschutz gewertet werden. In Sachsen gibt es kaum Weidestandorte, die nicht technisch und/oder durch Hunde geschützt werden können. 

Laut einer Pressemitteilung des sächischen Freistaates vom 08. Juli 2026 werden die Regeln für den Herdenschutz aktualisiert. Damit nähert sich Sachsen den NABU-Forderungen ein großes Stück an. Danach gelten zum Beispiel Herdenschutzzäune nun ab 105 Zentimeter und 4000 Volt Mindestspannung als zumutbar, Festzäune müssen elektrifiziert sein. 

Der NABU Sachsen begrüßt die Anpassung im Sinne des Herdenschutzes und der Unterstützung für Weidetierhalter.

Datenquellen

Über den Wolf wird viel behauptet - nicht alles ist wahr. Der NABU Sachsen arbeitet faktenbasiert und richtet sich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen. Alle Daten zur Verbreitung des Wolfes in Sachsen und Schadstatistiken sind auf offiziellen Seiten des sächsischen Freistaates oder des Bundes zu finden und können jederzeit nachgeprüft werden.

  • Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf:

                Verbreitungsdaten: https://www.dbb-wolf.de/Wolfsvorkommen (letzter Zugriff 30.06.2026)

                Statusberichte: https://www.dbb-wolf.de/mehr/literatur-download/statusberichte

  • Mit kleinen Anfragen können sich die Parteien des sächsischen Landtags über aktuelle Themen, Prozesse und Arbeitsstände der Ministerien informieren. Die Anfragen und deren Antworten sind öffentlich über das Dokumentationssystem EDAS zugänglich

                 zum Beispiel: Drs.-Nr.: 8/6039_Analyse zur Schadensstatistik – Wolf: https://redas.landtag.sachsen.de/#/details?dokument_id=52867 

  • Fachstelle Wolf des LfULG Sachsen:

                offiziellen Statistiken zu gemeldeten Rissen des Wolfes in Sachsen: https://www.wolf.sachsen.de/schadensstatistik-4169.html

  • Lupus_Institut für Wolfsmonitoring und Forschung in Deutschland

                Monitoring, Forschung und Statusberichte - z.B. Populationsgefährdungsanalyse für die Art Wolf: https://www.lupus-institut.de/veroeffentlichungen/publikationen  

 

 

 


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