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Neue und verschwundene Arten in Sachsen

Die NABU-Landesfachausschüsse haben die Entwicklungen, Arealveränderungen und Bestandstrends der sächsischen Tier- und Pflanzenwelt der vergangenen 20 bis 25 Jahre zusammengetragen.

In Sachsens Tier- und Pflanzenwelt haben sich in den vergangenen 20 bis 25 Jahren deutliche Veränderungen gezeigt. Einige Arten wurden neu nachgewiesen oder haben ihre Bestände vergrößert, andere sind seltener geworden oder verschwunden. Der Klimawandel spielt dabei in vielen Fällen eine wichtige Rolle, wirkt jedoch meist zusammen mit weiteren Faktoren wie Lebensraumverlust, intensiver Landnutzung, Eutrophierung, Trockenlegung, Nutzungsaufgabe oder direkter menschlicher Einflussnahme.

Die folgenden Beispiele fassen Einschätzungen aus verschiedenen Artengruppen zusammen.


Vögel – Neue Brutvogelarten und Bestandszunahmen

Bienenfresser. Foto: Tom Kirschey

Bienenfresser. Foto: Tom Kirschey

Die Vogelwelt Sachsens zeigt deutliche Veränderungen. Bei der Brutvogelkartierung 2022 bis 2024 wurden 189 Brutvogelarten mit insgesamt etwa 2,5 bis 4,9 Millionen Brutpaaren erfasst.

Zu den neuen sicheren Brutvogelarten zählen der Halsbandsittich, die Moschusente und die Weißwangengans. Die Ursachen und Hintergründe unterscheiden sich jedoch: Beim Halsbandsittich spielen Arealausweitung und klimatische Veränderungen eine Rolle, die Moschusente geht auf Gefangenschaftsflüchtlinge zurück, und bei der Weißwangengans ist die Herkunft der sächsischen Brutvorkommen derzeit nicht eindeutig einzuordnen.

Darüber hinaus haben zahlreiche Arten ihre Bestände deutlich vergrößert. Insgesamt wurden 31 Brutvogelarten festgestellt, deren Bestände sich gegenüber dem Zeitraum 2004 bis 2007 mindestens verdoppelt haben. Dazu gehören unter anderem Arten, die von Arealausweitungen profitieren, sowie Arten, deren Bestandsentwicklung mit veränderten Lebensraumbedingungen und klimatischen Faktoren zusammenhängen kann.


Art Kategorie Grund / Anmerkung
Halsbandsittich Neue, sichere Brutvogelart Klimawandel und Arealausweitung
Moschusente Neue, sichere Brutvogelart Gefangenschaftsflüchtling
Weißwangengans Neue, sichere Brutvogelart Herkunft unklar, Zunahme in Norddeutschland
Bienenfresser, Blaukehlchen, Wiedehopf, Schwarzkehlchen Erhebliche Bestandszunahme (≥ Verdopplung) Arealausweitung infolge Klimawandel
Fischadler, Seeadler, Kranich, Uhu, Wanderfalke Erhebliche Bestandszunahme (≥ Verdopplung) Erfolge durch langjährige Schutzaktivitäten
Nilgans, Gänsesäger, Singschwan, Steppenmöwe, Mittelspecht, Grünspecht, Kleines Sumpfhuhn, Zwergdommel Erhebliche Bestandszunahme (≥ Verdopplung) Arealausweitung durch Nahrungs-/Brutplatzangebot, Überleben
Buschrohrsänger, Nachtreiher, Seidensänger, Zistensänger Sehr seltene Brutvogelarten / Brutgäste Neue Arten durch Arealausweitungen infolge Klimawandel

Vögel – Verschwundene Arten und bedrohliche Rückgänge

Großer Brachvogel. Foto: Jan Piecha

Großer Brachvogel. Foto: Jan Piecha

Neben Bestandszunahmen gibt es bei den Brutvögeln auch deutliche Rückgänge. Mehrere Arten sind als Brutvögel in Sachsen inzwischen verschwunden oder treten nur noch sehr selten auf. Besonders betroffen sind Arten, die auf Feuchtgebiete und extensiv genutzte Offenlandschaften angewiesen sind.

Bei 26 Arten wurde gegenüber 2004 bis 2007 mindestens eine Halbierung der Bestände festgestellt. Die Ursachen sind je nach Art unterschiedlich. Neben klimatischen Veränderungen spielen vor allem Veränderungen der Lebensräume, intensive Landnutzung, Verlust geeigneter Brut- und Nahrungshabitate sowie weitere Belastungen eine wichtige Rolle.


Art Status Kategorie
Großer Brachvogel, Kornweihe, Purpurreiher, Rotdrossel, Sprosser Verschwunden Extrem seltene Arten / Brutgäste (Brüten war Zufall)
Schwarzhalstaucher, Rothalstaucher, Löffelente, Tafelente u. a. Bedrohlicher Rückgang (≥ Halbierung) Arten der Feuchtgebiete/Gewässer
Rebhuhn, Wiesenpieper, Braunkehlchen, Kiebitz, Haubenlerche u. a. Bedrohlicher Rückgang (≥ Halbierung) Arten des Offenlandes

Säugetiere – Fledermäuse

Wasserfledermaus. Foto: Ekkhard Grimmberger

Wasserfledermaus. Foto: Ekkhard Grimmberger

Auch bei den Fledermäusen lassen sich Veränderungen beobachten. Einige wärmeliebende Arten wurden in Sachsen neu oder häufiger nachgewiesen. Die Alpenfledermaus hat inzwischen Wochenstuben in Leipzig-Paunsdorf und Dresden. Die Weißrandfledermaus wurde ebenfalls in Leipzig und Dresden nachgewiesen, bislang jedoch ohne bekannten Quartiernachweis. Die Mückenfledermaus ist in Leipzig und Umgebung mittlerweile mit mehreren kopfstarken Wochenstuben vertreten und zählt dort zu den häufigeren Fundtieren.

Mildere Winter können die Ausbreitung solcher Arten begünstigen. Gleichzeitig können dadurch Konkurrenzverhältnisse zwischen Arten beeinflusst werden, etwa gegenüber der Zwergfledermaus. Die weitere Entwicklung sollte jedoch differenziert betrachtet werden, da neben dem Klima auch Quartierangebot, Stadtstruktur, Nahrungsverfügbarkeit und weitere Faktoren eine Rolle spielen.

Bei anderen Fledermausarten deuten Beobachtungen auf ungünstige Entwicklungen hin. Für Arten wie die Nordfledermaus könnten sich die Bedingungen in tieferen Lagen verschlechtern. Bei der Wasserfledermaus weisen Langzeitbeobachtungen darauf hin, dass sich Aktivitäts- und Verbreitungsschwerpunkte verändern können. Auch beim Großen Abendsegler werden Rückgänge in tieferen Lagen und mögliche Zusammenhänge mit Trockenstress diskutiert.


Art Status / Trend Details
Alpenfledermaus Neue Art, etabliert Wochenstuben in Leipzig-Paunsdorf (seit 2018) und Dresden (seit 2024)
Weißrandfledermaus Neue Art, nachgewiesen Nachweise in Leipzig und Dresden, bislang ohne Quartiernachweis
Mückenfledermaus Massiv zunehmend Viele kopfstarke Wochenstuben in Leipzig und Umland, häufiges Fundtier
Nordfledermaus Vom Verlust bedroht Fragmentierte Vorkommen im Erzgebirge; Konkurrenz durch Tiefland-Arten
Wasserfledermaus, Großer Abendsegler Rückgänge im Tiefland Hitze, Dürre und Trockenstress; Ausweichen ins Gebirge

Weitere Säugetiere

Als weiterer bemerkenswerter Neuzugang ist der Goldschakal zu nennen. Die Art breitet sich in Mitteleuropa aus und wurde inzwischen auch für Sachsen gemeldet. Eine genaue Bewertung der Ursachen sollte vorsichtig erfolgen, da Ausbreitungsprozesse bei Säugetieren meist durch mehrere Faktoren beeinflusst werden, darunter Klima, Landnutzung, Nahrungsverfügbarkeit und Wanderbewegungen.


Amphibien und Reptilien

Moorfrosch. Foto: Niklas Banowski

Moorfrosch. Foto: Niklas Banowski

Bei den Amphibien zeigen sich in Sachsen deutliche Rückgänge. Besonders Grasfrosch, Moorfrosch und Erdkröte sind in den Niederungslandschaften stark zurückgegangen. Die Entwicklung ist unter anderem durch Zahlen von Amphibienschutzzäunen belegt.

Als wichtige Belastungsfaktoren kommen je nach Region Trockenheit, Verlust oder Verschlechterung von Laichgewässern, Veränderungen des Wasserhaushalts, Straßenverkehr und Lebensraumverlust infrage. Der Klimawandel kann diese Probleme verstärken, ist aber nicht in jedem Fall die alleinige Ursache.

Bei den Reptilien ist die Mauereidechse als neue Art hervorzuheben. Ihre Vorkommen in Sachsen gehen jedoch nicht auf eine natürliche Einwanderung zurück, sondern stehen nach aktueller Einschätzung mit Aussetzungen in Verbindung. Inzwischen hat sich die Art an mehreren Stellen etabliert.


Art Klasse Status / Trend Anmerkung
Grasfrosch, Moorfrosch, Erdkröte Amphibien Starker Rückgang In Niederungslandschaften; belegt durch Amphibienschutzzäune
Mauereidechse Reptilien Ausbreitung, heimisch geworden Ursprünge gehen auf Aussetzungen zurück

Insekten und weitere Wirbellose

Gottesanbeterin. Foto: Matthias Schäf

Gottesanbeterin. Foto: Matthias Schäf

Die Insektenwelt Sachsens verändert sich ebenfalls. Einige wärmeliebende Arten haben sich neu angesiedelt oder ihre Areale erweitert. Dazu zählen unter anderem die Große Holzbiene, die Efeu-Seidenbiene, das Weinhähnchen und die Gottesanbeterin. Auch Arten wie die Asiatische Buschmücke oder die Rote Austerndeckelschildlaus zeigen, dass neben natürlicher Arealausweitung auch Verschleppung eine Rolle spielen kann.

Der Stahlblaue Grillenjäger, eine Wespenart, ist ebenfalls in Sachsen nachgewiesen. Die Art jagt Langfühlerschrecken und kann künstliche Nisthilfen wie Insektenhotels nutzen.

Gleichzeitig ist die Entwicklung vieler Insektenarten kritisch zu bewerten. Neben neu auftretenden oder zunehmenden Arten gibt es Rückgänge bei Individuenzahlen und Biomasse. Besonders für aquatische Insekten in Fließgewässern werden künftig starke Verluste erwartet. Für Arten der Mittelgebirge wird prognostiziert, dass sie bis 2080 durchschnittlich 70 bis 80 Prozent ihrer heutigen Vorkommen verlieren könnten.


Art Kategorie Details
Große Holzbiene, Efeu-Seidenbiene, Weinhähnchen Neue Arten durch Klimawandel Arealerweiterungen
Rote Austerndeckelschildlaus (Epidiaspis leperii) Neue Art durch Klimawandel Potentieller Schaderreger im Obstbau
Feldgrille, Feuerwanze Ausbreitung in Höhenlagen Ausbreitung ins Gebirge
Gottesanbeterin, Asiatische Buschmücke, Asiatischer Marienkäfer Verschleppte Arten Etablierung unter neuen klimatischen Bedingungen
Stahlblauer Grillenjäger Verschleppte Art Jagt Langfühlerschrecken, nutzt Insektenhotels zur Brut
Aquatische Insekten (Mittelgebirge) - Bis 2080: 70–80 % Verlust der jetzigen Vorkommen

Botanik – Neophyten und wärmebegünstigte Arten nach 2000

Auch in der Pflanzenwelt Sachsens zeigen sich deutliche Veränderungen. In den vergangenen Jahren wurden mehrere wärmeliebende oder neu auftretende Arten festgestellt, deren Ausbreitung durch veränderte klimatische Bedingungen begünstigt werden kann.

Die Gefleckte Zwergwolfsmilch wurde in Sachsen erstmals nachgewiesen und breitet sich insbesondere auf Trittfluren aus. Das Große Nixkraut und das Kleine Nixkraut zeigen eine deutliche Expansion, besonders in der Oberlausitz. Das Amur-Liebesgras wurde 2010 erstmals in Glauchau gefunden und breitet sich seit 2022 besonders im Erzgebirgischen Becken stärker aus.

Auch das Frühlingskreuzkraut profitiert offenbar von offenen Stellen im Grünland, die unter anderem durch Trockenheit und Hitze entstehen können. Für die Landwirtschaft ist diese Art problematisch, da sie giftige Inhaltsstoffe enthält.

Diese Beispiele zeigen, dass wärmere und trockenere Bedingungen einigen Pflanzenarten neue Ausbreitungsmöglichkeiten bieten können. Gleichzeitig unterscheiden sich die Ursachen je nach Art deutlich.


Art (wissenschaftlich) Art (deutsch) Status / Trend Details
Euphorbia maculata Gefleckte Zwergwolfsmilch Erstnachweis, starke Ausbreitung Auf Trittfluren und Friedhöfen
Najas marina Großes Nixkraut Deutliche Expansion Besonders in der Oberlausitz
Najas minor Kleines Nixkraut Deutliche Expansion Besonders in der Oberlausitz
Eragrostis amurensis Amur-Liebesgras Expansiv Erstnachweis 2010 in Glauchau, seit 2022 expansive Ausbreitung im Erzgebirgischen Becken
Setaria verticilliformis Täuschende Borstenhirse Starke Ausbreitung Seit 2026 im Erzgebirgischen Becken
Vulpia myurus Mäuseschwanz-Federschwingel Rasante Ausbreitung Seit 2010
Senecio vernalis Frühlingskreuzkraut Profitiert von Trockenheit/Hitze Giftig für Weidevieh
Ambrosia artemisiifolia, Bunias orientalis, Abutilon theophrasti Weitere Neophyten Ausbreitung –

Botanik – Durch Klimawandel bedrohte oder rückläufige Arten

Stattliches Knabenkraut. Foto: Heinz Strunk

Stattliches Knabenkraut. Foto: Heinz Strunk

Viele Pflanzenarten in Sachsen geraten unter Druck. Besonders betroffen sind Arten der Feucht- und Nassstandorte, Moore sowie kühl-feuchter Bergregionen. Trockenheit und veränderte Wasserverhältnisse können diese Arten zusätzlich belasten.

Der Klimawandel ist dabei häufig nicht die einzige und nicht immer die ursprüngliche Ursache des Rückgangs. Eine wichtige Rolle spielen auch Entwässerung, Eutrophierung, Nutzungsänderungen, intensive Landnutzung, Nutzungsaufgabe, Aufforstung oder der Verlust geeigneter Standorte. Klimatische Veränderungen können diese bestehenden Belastungen jedoch verstärken.

Daher sollten Rückgänge bei Pflanzenarten differenziert betrachtet werden: In vielen Fällen entsteht der Druck durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren.


Art (wissenschaftlich) Art (deutsch) Status / Trend Details
Gentiana pneumonanthe Lungen-Enzian Vom Aussterben bedroht Einst im Tiefland häufig; gefährdet durch Trockenheit von Feucht- und Nassstandorten
Viola uliginosa Moor-Veilchen Stark gefährdet In Deutschland nur noch in Sachsen zu finden; Feucht-/Moorstandorte
Lycopodiella inundata Heimische Bärlappe (z. B. Sumpf-Bärlapp) Gefährdet Pflanze von Feucht- und Nassstandorten sowie Mooren
Diphasiastrum alpinum Alpen-Flachbärlapp Stark gefährdet Nur noch kleinste Bestände im Erzgebirge (kühl-feuchte Bergregion)
Thesium alpinum Alpen-Vermeinkraut Bedroht / Rückgang Art der Bergregionen (kühl-feuchtes Klima)
Thesium pyrenaicum Pyrenäen-Vermeinkraut Bedroht / Rückgang Art der Bergregionen (kühl-feuchtes Klima)
Sagina saginoides Alpen-Mastkraut Bedroht / Rückgang Art der Bergregionen (kühl-feuchtes Klima)
Swertia perennis Blauer Tarant Bedroht / Rückgang Art der Bergregionen (kühl-feuchtes Klima)
Viola biflora Zweiblütiges Veilchen Bedroht / Reliktvorkommen Eiszeitrelikt in der Sächsischen Schweiz
Gentianella saxonica Sächsischer Enzian Am Standort verschollen Nach 2005 verschollen, existiert nur noch in Erhaltungskultur
Gentianella amarella Bitterer Enzian Akut bedroht Nur noch ein einziges Vorkommen im Erzgebirge
Orchis morio Kleines Knabenkraut Stark gefährdet Nur noch 2 Vorkommen bekannt
Orchis ustulata Brand-Knabenkraut Stark gefährdet Nur noch 1 Vorkommen bekannt
Orchis mascula Stattliches Knabenkraut Gefährdet / Reproduktionsverlust Spätfröste schädigen regelmäßig Blütenknospen (keine Samenvermehrung)
Linnaea borealis Moosglöckchen Stark bedroht Nur noch wenige Vorkommen / Einzelpflanzen
Campanula cervicaria Borstige Glockenblume Stark bedroht Nur noch wenige Vorkommen / Einzelpflanzen

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