Pressegespräch in Chemnitz-Rabenstein am 26. August 2026. Foto: Robert Beske
Chemnitz-Rabenstein
Neues Gewerbegebiet bedroht Stadtklima und Artenvielfalt
In Chemnitz-Rabenstein soll ein Gewerbegebiet auf der „grünen Wiese" entstehen. Foto: Maria Vlaic
Um die Stadtentwicklung voranzutreiben, plant die Stadt Chemnitz ein neues Gewerbegebiet auf einer bisher landwirtschaftlich genutzten Fläche. Der NABU bewertet dieses Vorhaben äußerst kritisch. Neben dem Verlust wertvoller Arten- und Lebensraumvielfalt droht vor allem das Wegfallen unverzichtbarer Ökosystemleistungen für die Stadt Chemnitz. Die anvisierte Fläche fungiert als bedeutendes Kaltluftentstehungsgebiet und leistet damit einen essenziellen Beitrag zum städtischen Mikroklima.
„Mit einer umweltverträglichen Organisation des Stadtverkehrs, Flächenentsiegelung und Flächenrecycling sind wichtige Bausteine einer ökologischen Stadtentwicklung gesetzt.“
Zitat aus dem Städtebaulichen Gesamtkonzept der Stadt Chemnitz
Dennoch setzt die Stadtverwaltung weiterhin einseitig auf Neuversiegelung durch Gewerbeansiedlungen. Dafür soll eine der letzten verbliebenen kommunalen Freiflächen vermarktet werden, ein Vorhaben, das seit Jahrzehnten unverändert verfolgt wird. Diese Strategie führt jedoch in eine stadtplanerische Sackgasse: Allein im Chemnitzer Stadtgebiet liegen rund 600 Hektar Brachflächen ungenutzt da.
Warum eine Bebauung hier keine gute Idee ist
Die aktuell landwirtschaftlich genutzte Fläche birgt ein seltenes Potenzial zur Förderung von Biodiversität und Lebensräumen in der Agrarlandschaft. Zudem hat die direkte Umgebung eine wichtige Funktion als Naherholungsgebiet für die Bevölkerung.
Kaltluftentstehungsgebiet
Nachts kühlt sich die Luft über naturnahen Flächen ab und zieht tagsüber in aufgeheizte Regionen. Für diesen Prozess ist Vegetation unabdingbar, über niedriger Vegetation und über Wäldern ist er besonders effektiv. Versiegelte Flächen hingegen sind gute Wärmespeicher und kühlen die Luft nachts kaum ab. Im Sinne eines klimagerechten Flächenmanagements sind Kalt- luftentstehungsgebiete und ihre Schneisen unbedingt zu erhalten und zu fördern.
Von herausragender Bedeutung für die Stadt Chemnitz ist das Areal jedoch als Kaltluftentstehungsgebiet („Cool-Spot“). Umgeben von dicht bebauten Siedlungsräumen, die als Hitzequellen fungieren, sorgt die hier erzeugte Kaltluft im Sommer für eine spürbare Abkühlung der Nachbarschaften und des Stadtgebiets. Eine Bebauung würde die Entstehung von Kaltluft drastisch verringern und zugleich die wichtigen Kalt- und Frischluftströme in die überhitzte Innenstadt blockieren. Ein derartiger Verlust an Ökosystemleistungen ließe sich selbst durch moderne Ansätze wie das Schwammstadt-Prinzip oder externe Ersatzpflanzungen an anderer Stelle nicht kompensieren.
Warum und wie sich der NABU einbringt
Neben dem Verlust eines strukturreichen Landschaftsbildes sowie der Möglichkeit, gezielt Lebensräume im landwirtschaftlichen Raum aufzuwerten, sieht der NABU Chemnitz-Erzgebirge hier eine vertane Chance. Die Stadtentwicklung könnte stattdessen zukunftssicher, nachhaltig und im Sinne einer wirksamen Klimafolgenanpassung vorangetrieben werden. Sinnvolle Alternativen, wie die Umnutzung bereits versiegelter Flächen und Brachen, werden dabei bislang weder ernsthaft geprüft noch konsequent verfolgt.
Die Zerstörung gewachsenen Bodens ist irreversibel – sowohl mit Blick auf die Biodiversität als auch auf unverzichtbare Ökosystemleistungen. Es stellt sich die Frage, ob diese Zerstörung von Natur und Ökosystemleistungen durch derartige Versiegelungsprojekte für Gewerbe- und Industrieansiedlungen vertretbar sind.
Dass moderne Wertschöpfung keinen neuen Flächenfraß auf der grünen Wiese erfordert, zeigen erfolgreiche Chemnitzer Unternehmen aus dem Dienstleistungs- und Technologiesektor: So revitalisierte etwa das Chemnitzer „Unicorn“ Staffbase ein innerstädtisches Fabrikareal. Die für das neue Areal avisierten Branchen – wie Robotik, Softwareentwicklung oder Labore – rechtfertigen aus unserer Sicht einen derart gravierenden Flächenverbrauch in keiner Weise.
Der NABU steht im engen Austausch mit zahlreichen Anwohnerinnen und Anwohnern des betroffenen Areals, die dem Vorhaben ebenfalls kritisch gegenüberstehen und aus diesem Grund bereits eine Petition sowie einen Antrag auf Umwidmung zum Landschaftsschutzgebiet eingereicht haben. Beide Bürgerersuchen stießen bei Stadtrat und Stadtverwaltung bisher jedoch auf keine Unterstützung.
Im weiteren Verfahren werden sich der NABU Chemnitz-Erzgebirge und der NABU Sachsen mit fachlichen Stellungnahmen im Rahmen der noch ausstehenden öffentlichen Beteiligung einbringen. Wir suchen dabei kontinuierlich das Gespräch - sowohl mit Kritikern als auch mit Befürwortern des Projekts - und setzen uns für die bestmögliche Lösung für Mensch und Natur ein.
Wir schlagen vor:
Auf dem Chemnitzer Stadtgebiet sind rund 600 Hektar Brachen, Baulücken und Leerstand als Industrie- und Gewerbebrachen erfasst. Das entspricht etwa 11 Prozent^{1} der gesamten Siedlungsfläche. Bereits 2015 beschloss der Stadtrat ein Fachkonzept zur gezielten Entwicklung dieser Brachen im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, warum nun dennoch neue, unversiegelte Freiflächen geopfert werden sollen, obwohl gewichtige ökologische und ökonomische Gründe dagegen sprechen.
Wir fordern daher eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung nach dem Prinzip „Innen- vor Außenentwicklung“: Zunächst müssen alle verfügbaren Brachflächen revitalisiert werden, um weiteren Flächenverbrauch und zusätzliche Versiegelung konsequent zu vermeiden und gleichzeitig urbane Räume wiederzubeleben.
Die Stadtverwaltung wählt hier den vermeintlich einfachsten, jedoch kurzsichtigsten Weg und blendet die komplexen Zusammenhänge einer zukunftsfähigen Stadtplanung aus. Neben rein wirtschaftlichen Kennzahlen muss die ökologische Dimension gleichrangig berücksichtigt werden: Der unwiederbringliche Verlust lokaler Ökosystemleistungen lässt sich durch externe Ersatzmaßnahmen nicht kompensieren und steht den Zielen einer wirksamen Klimaanpassung sowie einer lebenswerten Stadt diametral entgegen.
^{1} Integrierte Brachflächenentwicklung in Chemnitz – Fachkonzept Brachen zum städtebaulichen Entwicklungskonzept Chemnitz 2020 (2015 beschlossen)
Flächenverbrauch
Flächenverbrauch wird häufig fälschlicherweise mit Versiegelung gleichgesetzt:
Versiegelung meint den luft- und wasserdichten Abschluss des Bodens durch Bebauung, Asphaltierung oder starke Verdichtung. Flächenverbrauch beschreibt hingegen allgemein die Nutzungsänderung von Natur- oder landwirtschaftlicher Fläche.
Auch Sachsen hat ein Flächenverbrauchsziel beschlossen: Bis 2020 sollte die tägliche Flächenneuinanspruchnahme auf maximal zwei Hektar sinken³. Dieses Ziel wurde klar verfehlt. Obwohl der Verbrauch in den vergangenen 10 bis 15 Jahren spürbar abgenommen hat, liegt der sächsische Durchschnitt aktuell noch immer bei über vier Hektar pro Tag.
Flächenverbrauch in Sachsen
In ganz Deutschland werden täglich rund 50 Hektar Fläche für Siedlungs- und Verkehrszwecke neu in Anspruch genommen². Damit ist der tägliche Flächenverbrauch zwar leicht rückläufig, liegt jedoch weiterhin deutlich über den definierten politischen Zielmarken:
- Nationale Nachhaltigkeitsstrategie (2002): Reduzierung des täglichen Zuwachses auf unter 30 Hektar bis 2020
- Nationale Nachhaltigkeitsstrategie (Aktualisierung 2016): Reduzierung auf weniger als 30 Hektar pro Tag bis 2030
- Integriertes Umweltprogramm 2030 des BMU: Reduzierung auf maximal 20 Hektar pro Tag bis 2030
- Ressourcenstrategie der EU und Klimaschutzplan der Bundesregierung: Erreichen einer „Netto-Null“ (Flächenkreislaufwirtschaft) bis 2050
Versiegelung
Die Versiegelung von Böden führt zum unwiederbringlichen Verlust zentraler Bodenfunktionen. Dazu zählen insbesondere die Versickerungs-, Filter- und Speicherkapazitäten intakter Böden, von denen wir sowohl bei Starkregen- und Hochwasserereignissen als auch in Dürreperioden maßgeblich profitieren. Durch die Überbauung gelangen weder Wasser noch Sauerstoff oder Sonnenlicht in das Erdreich. In der Folge geht nicht nur die Bodenfruchtbarkeit verloren, sondern auch der Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten sowie Mikroorganismen (das sogenannte Edaphon).
Gleichzeitig entfällt die natürliche Filterfunktion der Vegetation, die Feinstaub und Schadstoffe aus der Luft bindet. Auch die ausgleichende Klimafunktion von Boden und Bewuchs wird dauerhaft zerstört: Es entstehen urbane Hitzeinseln, während Kaltluft- und Frischluftschneisen abgeschnitten werden.
Im Gegensatz zu einzelnen Tier- und Pflanzenarten oder punktuellen Gehölzstrukturen lassen sich diese komplexen Ökosystemleistungen nicht „umsiedeln“ oder andernorts gleichwertig ersetzen. Damit geht der direkte Nutzen intakter Natur für die Bevölkerung vor Ort verloren. Die Versiegelung von Freiflächen ist daher längst nicht mehr nur ein Naturschutzanliegen, sondern verursacht auch erhebliche volkswirtschaftliche Folgeschäden durch den Wegfall dieser Ökosystemleistungen – ein Aspekt, der in Planfeststellungsverfahren und kommunalen Abwägungsprozessen bislang keine Berücksichtigung findet.
Nach Schätzungen der sächsischen Landesregierung sind landesweit bereits über 1.070 km² Fläche versiegelt⁴. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften⁵ aus dem Jahr 2021 beziffert den Anteil der Bodenversiegelung im Freistaat Sachsen auf 10,7 Prozent (rund 198.073 Hektar).
Ökosystemleistungen
Ökosystemleistungen schlagen eine Brücke zwischen ökologischen und ökonomischen Ansprüchen. Das Konzept versucht, den Funktionen einer intakten Natur einen ökonomischen Wert zuzuordnen, um die Leistungen und den Nutzen der Natur sichtbar und beispielsweise bei Bauvorhaben kalkulierbar zu machen. Zwar ist dieser Ansatz aus ethischen Gründen nicht unumstritten, er liefert jedoch eine Argumentationsgrundlage für den Naturschutz.
Entsiegelung
Die Entsiegelung nicht mehr genutzter Industrie- und Gewerbebrachen sollte eine Selbstverständlichkeit sein, darf jedoch keinesfalls als Freibrief oder gleichwertiger Ausgleich für neue Flächenversiegelungen missverstanden werden. Bis ein ehemals versiegelter Boden seine natürlichen Bodenfunktionen und ökologischen Kreisläufe wieder vollständig erfüllt, vergehen oft Jahrzehnte langwieriger Regenerationsprozesse, die zudem mit erheblichen Kosten verbunden sind.
Dass die bisherigen Entsiegelungsbemühungen dem tatsächlichen Flächenfraß kaum etwas entgegensetzen können, zeigen die Zahlen der Landesebene: Die Ökoflächenagentur des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement entsiegelte im Zeitraum von 2020 bis 2024 durchschnittlich gerade einmal 2,7 Hektar pro Jahr (insgesamt lediglich 13,42 Hektar). Demgegenüber steht im selben Zeitraum eine Neuinanspruchnahme von über 6.000 Hektar für Wohn-, Verkehrs-, Industrie- und Gewerbezwecke⁶ – ein massives Missverhältnis.
Der Wiedernutzbarmachung von Brachen kommt daher eine Schlüsselfunktion zu – nicht nur in Chemnitz.
1) Integrierte Brachflächenentwicklung in Chemnitz – Fachkonzept Brachen zum städtebaulichen Entwicklungskonzept Chemnitz 2020 (2015 beschlossen)
2) https://www.umweltbundesamt.de/daten/umweltzustand-trends/flaeche-bodenland-oekosysteme/flaechennutzung-in-deutschland/siedlungs-verkehrsflaeche
3) https://www.umwelt.sachsen.de/flaechenneuinanspruchnahme-30892.html
4) https://www.boden.sachsen.de/bodenversiegelung-und-ihre-auswirkungen-25753.html
5) Siemer, B., Ferber, U., & Eckert, K. (2022). Erfassung der Bodenversiegelung im Freistaat Sachsen. In Flächennutzungsmonitoring XIV: Beiträge zu Flächenmanagement, Daten, Methoden und Analysen (S. 267-275). Berlin: Rhombos-Verlag. https://doi.org/10.26084/14dfns-p027
